15.000 Fotos und nochmal so viele Erinnerungen
Pfarrer Ludwig Nelles und seine Frau Corinna haben gemeinsam ein Sabbatjahr erlebt, das sie für eine einzigartige Reise genutzt haben

– „Reisen ist tödlich für Vorurteile“, zitiert Ludwig Nelles Mark Twain, als er von den Eindrücken aus den USA berichtet und sie mit den eigenen Erwartungen vor der Reise abgleicht: „Wir hatten 2025 auch ein bisschen Bammel vor Amerika, muss ich gestehen. Aber die normalen Leute sind einfach unwahrscheinlich freundlich und liebenswürdig. ‚Toll, dass ihr euch so viel Zeit für unser Land nehmt!‘, haben wir ganz oft gehört. Und tatsächlich haben wir nie das Gefühl gehabt, Angst haben zu müssen, auch nicht in den Städten.“
Mit einer ganz besonderen Stadt hatte die Reise begonnen: Für New York nahmen sich Corinna und Ludwig Nelles zehn Tage Zeit, bevor es Richtung Westen ging, von Campingplatz zu Campingplatz. „Das ist schon toll, wenn man morgens aufwacht und der Blick erstmal auf riesige Berge fällt! Wir sind wenig in Städten gewesen, mehr einfach mitten in der Landschaft. Und die USA und Kanada sind landschaftlich der Wahnsinn – phantastisch!“
Acht Monate nahm sich das Paar Zeit für eine Route, die sie quer durch Nordamerika führte. Von New York City ging es zuerst immer Richtung Yellowstone Nationalpark. „Der Park stellte sich dann auch als absolutes Highlight der Reise heraus! Eigentlich kam dem nur noch Haida Gwaii nahe. Das sind Inseln vor der kanadischen Westküste, fast schon in Alaska. Man fährt vom Festland acht bis zehn Stunden mit der Fähre dorthin.“
Auf den Inseln, deren kolonialer Name Princess-Charlotte-Islands erst 2009 offiziell durch den nativen Namen Haida Gwaii ersetzt wurde, kamen zwei Interessen der Reisenden zusammen: Zum einen wollten sie auch hier die besondere Landschaft der Nationalparks auf sich wirken lassen, sich zum anderen aber auch mit den „First Nations“ beschäftigen, wie die Nachkommen der Ureinwohner in Kanada genannt werden. „Wir wollten wissen, wie die Situation der Menschen heute ist. Vielleicht stammte die ursprüngliche Motivation dazu sogar aus der Lektüre der Karl-May-Romane, die ich als Kind gelesen habe. In den USA leben die Natives in Reservaten zum Teil in sehr armen Verhältnissen. Manchen Stämmen ist es aber gelungen, das Leid durch den Betrieb von Casinos abzufedern. Dazu haben in allen US-Bundesstatten außer Nevada nur sie das Recht. Von dem Land könnte man dort kaum leben, zumal es schlechtes Land ohne Bodenschätze ist.“
Doch auch außerhalb von Reservaten fiel den Nelles auf, wie die Preise verglichen mit früheren Besuchen in den USA angezogen haben. „Viele rutschen aus der Mittelschicht ab in Armut und sogar Obdachlosigkeit. Man fährt zum Beispiel durch Stadtteile, die schön hergerichtet sind, nur um nach der nächsten Ampel plötzlich ein heruntergekommenes und armes Viertel vor sich zu haben“, erzählt Ludwig Nelles. „Kirchen sind oft die einzigen Anlaufpunkte für die Armen und übernehmen eine ganz wichtige Funktion.“ Finanziert werden diese Hilfsangebote durch Spenden und Beiträge. „Bei manchen ist es auch der Zehnte. Einige reiche Leute entlasten durch große Spenden wohl ihr Gewissen, meinten einige Amerikaner, mit denen wir uns unterhalten haben.“


Viele Kilometer haben sie zurückgelegt, ein sehr gutes Netz von Campingplätzen und sehr schlechte Straßenverhältnisse angetroffen. „Ich schimpfe jedenfalls nicht mehr über deutsche Straßen“, meint Nelles schmunzelnd. Die Route weg vom Norden und der Westküste führte sie parallel zur mexikanischen Grenze unter anderem in die traditionellen Zentren von Blues und Jazz, die der Pfarrer als absoluter Liebhaber beider Musikrichtungen unbedingt kennenlernen wollte.

„Ja, und irgendwann haben wir Weihnachtsbilder in Shorts und T-Shirt bei 25 Grad am Strand von Naples, Florida, gemacht. Das war zwar ganz lustig, aber ich brauche es auch nicht nochmal!“ Besser gefiel ihm der Heilige Abend in einer Partnerkirche der EKD, der United Church of Christ. „Die sind von der Theologie her mit unserer Kirche vergleichbar.“ Auch in Santa Fe hatten sie einen Gottesdienst besucht, in einer katholischen Kirche. Es gab einen tollen Gospelchor, eine gute Band, und eine sehr politische Predigt kurz nach dem tödlichen Attentat auf den umstrittenen Charlie Kirk. „Das war anders als bei uns, aber nicht schlechter.“
Acht Monate verbrachte das Ehepaar in den USA und Kanada, woran sich noch 2 ½ Monate in Japan anschlossen. „Aus Niederwenigern kannten wir den katholischen Kollegen Mirco Quindt, der dort seit einigen Jahren die deutschsprachige Auslandsgemeinde betreut“, erklärt Nelles die Verbindung. „Wir waren zunächst drei Wochen bei ihm in Tokio. Das war natürlich toll, weil er uns viel zeigen konnte. Dann haben wir Japan einige Wochen mit dem Zug erkundet. In den Großstädten ist zum Glück einiges zweisprachig ausgeschildert, aber auf dem Land sind Englischkenntnisse nicht so verbreitet.“
Auch in Japan haben die beiden Reisenden wieder viele Bilder gemacht und viel gelernt. „Das ist auch theologisch sehr interessant gewesen“, erzählt der 62-jährige Pfarrer, „und wir haben einen ganz anderen Zugang dazu bekommen. Die Japaner sind sehr religiös und gehen das Thema ganz praktisch an. Bei Geburt und Tod ist man Buddhist, dazwischen ist man wegen der klaren Lebensregeln der Religion Shintoist.“

Seit März sind Corinna und Ludwig Nelles nun wieder in Deutschland und haben im April eine Wohnung in Blankenstein bezogen. „Der Arbeitsalltag war, ehrlich gesagt, eine echte Umstellung nach dem Jahr unterwegs“, schaut Nelles auf den Neustart zurück. „Ich hatte ja die Entwicklung hin auf die große, neue Gemeinde erlebt, aber nicht die eigentliche Umstellung am 1. Januar. Aber Hattingen-Sprockhövel hat ein superschönes Team, muss ich sagen. Das macht Spaß, mit denen zusammen so eine große Kirchengemeinde zum Laufen zu bringen. Mit Hansjörg Federmann gemeinsam mache ich jetzt Kulturarbeit, und mit Oliver Kallauch die Kitas und die religionspädagogische Arbeit. Und dann habe ich ja noch weiterhin meine halbe Stelle als Seelsorger im Evangelischen Krankenhaus in Hattingen. Ich muss mich noch ein bisschen daran gewöhnen, dass ich keine kleine Gemeinde habe, der ich direkt zugeordnet bin.“
Das ist auch für die Gemeindemitglieder noch eine Umstellung. Daher gibt es Mitmach-Foren an den unterschiedlichen Standorten der Kirchengemeinde, in denen ihre Zukunft im Übergang zu einer stärkeren Selbstverwaltung diskutiert wird. Die Gemeinde lädt auf ihrer Website https://www.hattingen-sprockhoevel-evangelisch.de/ regelmäßig dazu ein. „Das Gesicht der Kirche wird sich verändern“, richtet Ludwig Nelles den Blick nach vorn.
Die Vertretung während des Sabbatjahrs hatten Pfarrer i.R. Udo Polenske und Pfarrer Christian Holtz übernommen. Ludwig Nelles: „Die Menschen waren sowohl in Niederwenigern als auch im Krankenhaus sehr angetan von den beiden!“
(Hans-Martin Julius)