Ein Gottsucher mit Leib und Seele
Der Theologe Dietrich Redecker feiert am Sonntag sein 60-jähriges Ordinationsjubiläum in St. Georg. Superintendentin Julia Holtz hat sich vorab mit ihm getroffen.
– Wenn Dietrich Redecker aus seinem Leben erzählt, dann ist das wie ein Schnelldurchlauf durch knapp 70 Jahre Theologie- und Kirchengeschichte. Hat er doch im Studium viele große Theologen persönlich erlebt, die meine Generation nur aus Büchern kennt. Mit leuchtenden Augen erzählt er von Vorlesungen bei Rudolf Bultmann in Marburg oder Gerhard von Rad in Heidelberg, um nur zwei berühmte Namen zu nennen. Diese großen Bibelwissenschaftler der Nachkriegszeit haben ihn nachhaltig geprägt, so dass er sich selbst als Exeget bezeichnet. Die solide und gründliche Arbeit am biblischen Text ist ihm bis heute als Grundlage für eine Predigt wichtig. „Ich mag es nicht, wenn man vorher weiß, worüber man predigen will, und sich dann ein paar vermeintlich passende Bibelverse dazu raussucht“, sagt er schmunzelnd.

(Foto: hmj)
Dabei war das Studium der Theologie ursprünglich nur seine zweite Wahl. Eigentlich wollte er Physiker werden, denn dem jungen Dietrich hatten es die Naturwissenschaften angetan, die er im mathematischen Zweig des Gymnasiums in Melsungen kennengelernt hatte. Aber der Vater wollte das lange Physikstudium nicht bezahlen und so entschied er sich für das vermeintlich kürzere Studium der Theologie. Seine musikalische Begabung hatte Dietrich schon früh in Kontakt mit der Kirche gebracht, wo er im Chor sang, sich als Kindergottesdienst-Helfer betätigte und Orgelunterricht erhielt. Bereits mit 17 Jahren übernahm er den sonntäglichen Orgeldienst in einer Gemeinde.
Religionsunterricht und Zeltplatzverwaltung
Auf das Studium folgte das Vikariat in Herleshausen, einem kleinen Ort an der innerdeutschen Grenze, den er selbst liebevoll als „die letzte Ecke in Kurhessen“ bezeichnet. Die erste Gemeindestelle trat er 1966 in Mandern an, einem Dorf in der Nähe von Bad Wildungen. Der Religionsunterricht am Gymnasium Bad Wildungen gehörte ebenso zu seinen Aufgaben wie die Verwaltung des gemeindeeigenen Zeltplatzes an der Eder. Als Kreisjugendpfarrer hat er sich für Jugendliche engagiert, viele Freizeiten durchgeführt, Jugendgruppen geleitet und inspiriert vom Kirchentag Jugendgottesdienste eingeführt, was damals recht ungewöhnlich war.
Seine Liebe zur Arbeit mit jungen Menschen brachte ihn 1969 zum „Dienst an den Schulen“,
einer Einrichtung der Westfälischen Kirche, die religiöse Schulwochen und Tagungen mit weiterführenden Schulen in ganz Westfalen durchführte. Diese ökumenische Arbeit hat er mit viel Engagement weiterentwickelt. Rückblickend erinnert er sich besonders an die gute Gemeinschaft im Kollegenkreis und an die intensiven Gespräche und Begegnungen mit den jungen Menschen. Die einzige Schattenseite dieser Arbeit war die ständige Abwesenheit von der Familie, so dass er sich 1976 auf das neu gegründete Schulreferat der Kirchenkreise Schwelm und Hattingen-Witten bewarb.
Mitbegründer des Bibliodramas
Nebenbei bildete er sich umfangreich weiter, erhielt die Lehrbefähigung für Themenzentrierte Interaktion (TZI), ein Handlungskonzept für Gruppenleitungen, das von der Psychoanalytikerin Ruth Cohn entwickelt wurde, die persönlich zu seiner Verabschiedung nach Westfalen kam. Ebenso gehört er zu den Mitbegründern des Bibliodramas und machte eine Supervisionsausbildung. Die Kontemplation wurde seine Kraftquelle, so dass Dietrich Redecker auch Meditationslehrer und Mitglied der ökumenischen Weggemeinschaft Via Cordis wurde.
Sein ganzheitlicher Ansatz Körper und Seele, Psychologie und Theologie zusammen zu bringen, haben seine Arbeit im Schulreferat geprägt. Neben den Fortbildungen für Lehrkräfte für evangelische Religion und der Mitwirkung in diversen Schulausschüssen wurde er Synodalbeauftragter für Erwachsenenbildung und war auf landeskirchlicher Ebene in unterschiedlichen Gremien und als Supervisor aktiv.
Weiter als Seelsorger aktiv
Da verwundert es nicht, dass der 65. Geburtstag nicht das Ende seines beruflichen Engagements darstellte. Im Gegenteil, im (Un-)Ruhestand hat Dietrich Redecker zahllose TZI-Kurse geleitet und diverse Fortbildungskurse durchgeführt. Als Supervisor hat er Einzelne und Teams begleitet.
Auch wenn er heute mit fast 88 Jahren einen hellwachen Verstand hat, spürt er, dass sein Körper ihm Grenzen setzt und er in manchen Bereichen kürzertreten muss. Seit nunmehr 15 Jahren gehört er zum Team der Offenen Kirche in Hattingen St. Georg. Dabei hat er erfahren, dass dies weit mehr als eine einfache Aufsicht ist. Immer wieder kommt er in der offenen Kirche mit den Menschen ins Gespräch, die die Kirche besuchen. „Manche wollen einfach nur ihre Ruhe haben, aber viele sind dankbar, wenn sie angesprochen werden und nutzen die Chance für persönliche und tiefgründige Gespräche,“ erzählt er. So ist Dietrich Redecker immer als Seelsorger und Theologe aktiv.
Am Palmsonntag, dem 29.03.2026 feiert er sein 60-jähriges Ordinationsjubiläum im Gottesdienst um 10 Uhr in St. Georg.
(Julia Holtz)